25.02.2006
Maulkorberlass und diffamierende Flugblätter sind keine Argumente
Volksbegehren zum Anlass nehmen, zu einer Schulpolitik im Interesse der Kinder zurückzukehren
Der Kreisverband Greifswald-Peeneland von B�NDNIS 90/DIE GR�NEN hegt gro�e Sympathien für die Absicht des Landeselternrates, mit dem Volksbegehren Mängel des jüngst verabschiedeten Schulgesetzes zu beseitigen. "Stundenlange Schulwege bereits für Sechsjährige, gro�e Klassen und immer weniger Schulen insbesondere auf dem Land sind Zustände, die wir entschieden ablehnen.", so der Sprecher des Kreisvorstandes, Stefan Fassbinder. Dies ist nicht im Sinne der Bildung, nicht der Lehrer und Eltern und dient schon gar nicht dem Wohle der Kinder.
Auf sinkende Schülerzahlen darf nicht nur mit Schulschlie�ungen reagiert werden. Ansonsten entstehen insbesondere in ländlichen Gegenden nach und nach unzumutbar lange Schulwege. Lange Busfahrten sind sowohl für Schüler und Schülerinnen sowie deren Familien eine gro�e Belastung als auch aus ökologischen Gründen abzulehnen. Es macht keinen Sinn, die Kinder immer weiter durch das Land zu fahren. Zudem erfüllt eine Schule in einem Ort eine wichtige soziale und kulturelle Funktion. In vielen Gegenden ist sie die einzige übrig gebliebene Einrichtung, die diese Bedürfnisse befriedigen kann. Es ist auch unbestritten, dass es sinnvoll ist, die Kinder in ihrem Umfeld zur Schule gehen zu lassen. Die positiven Wechselwirkungen zwischen Schule und Gemeinde, die für beide Seiten sehr fruchtbar sein können, sollten nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. In Zeiten sinkender Schülerzahlen muss mit Kreativität und den Mut zu neuen Wegen eine Lösung gesucht werden.
Hier greift das Volksbegehren erhebliche Mängel des neuen Schulgesetzes auf und genie�t unsere Unterstützung. Das demokratische und legitime Vorgehen der Elternvertreter in die Nähe von Rechtsradikalen zu rücken und den Lehrern und Lehrerinnen Redeverbot zu erteilen zeigt, wie schwach die SPD sich fühlt. Anstatt mit Argumenten für ihre Position zu werben, schlägt sie wild um sich.
B�NDNIS 90/DIE GR�NEN können jedoch das Volksbegehren nicht uneingeschränkt unterstützen. Der Gesetzentwurf des Landeselternrats läuft Gefahr das mehrgliedrige Schulsystem nicht zu überwinden, sondern zu zementieren. Wenn das Gymnasium weiter ab Klasse 5 beginnt und die Orientierungsstufe auf allen weiterführenden Schularten durchgeführt wird, ist der Weg zu einer erfolgreichen Gemeinschaftsschule bis auf weiteres versperrt. Die viel zu frühe Trennung der Kinder mit 10 Jahren könnte dadurch durch die Hintertür wieder eingeführt werden.
Wir sehen einen anderen Weg, der bezahlbar wäre und zugleich das auch vom Landeselternrat gewünschte längere gemeinsame Lernen Wirklichkeit werden lie�e: die flächendeckende schrittweise Einführung der Gemeinschaftsschule, und zwar zuerst in den dünn besiedelten Gebieten des Landes. Die Gemeinschaftsschule ist weder eine herkömmliche Gesamtschule noch eine Fortführung der Regionalschule. Die Gemeinschaftsschulen müssen räumlich und personell so ausgestattet werden, dass sie Schulbildung auf höchstem Niveau für alle Abschlüsse einschlie�lich des Abiturs ermöglichen, einen realen Ganztagsschulbetrieb sowie eine angenehme und anregende Lernatmosphäre vermitteln. Lehrerinnen in der Gemeinschaftsschule sind Moderatoren des Lernens und Zusammenlebens in der Schule sowie Anbieter von Wissen über ihr Fachgebiet und über Techniken des Aneignens von Wissen und Fähigkeiten. Sie sind Partner und Förderer bei der Gestaltung des Lernens und nicht Urteiler über Begabungen und Lebenschancen.
Auf dem Weg dahin wollen wir den Kommunen und den Schulen selbst mehr Gestaltungsspielraum als bisher einräumen. Autonomie ist das Stichwort.
Um Schule darf es keine Machtkämpfe geben, hier muss das Beste für die Kinder im Mittelpunkt stehen. Darum wollen wir mit allen "Streitparteien" gemeinsam und ohne gegenseitige Diffamierung ringen.





