14.06.2007
Mitglieder des Kreistages Ostvorpommern besichtigen DONG-Kraftwerke in Dänemark
Vertreter von BÃ?NDNIS 90/DIE GRÃ?NEN bleibt skeptisch
Für den grünen Vertreter im Kreistag von Ostvorpommern, Martin Lenk, ist das Innere von Kohlekraftwerken nichts Neues. Als ausgebildeter Schlosser war er im Kraftwerk Böhlen bei Leipzig tätig. Mit dieser, mittlerweile abgerissenen Dreckschleuder haben die Kraftwerke der Firma DONGenergy, die vom 7. - 8. Juni von Mitgliedern der Kreistagsausschüsse des Landkreises in Dänemark besichtigt wurden, allerdings wenig gemein. Die dänischen Kraftwerke sind modern und überaus effizient. So erreichte der Kraftwerksblock Avedøre II mit seiner Fernwärmenutzung im Durchschnitt der Jahre 2003-2005 einen Gesamtwirkungsgrad von deutlich über 80%. Das ist Weltklasse. Avedøre, nur ein Drittel so gro� wie das geplante Steinkohlekraftwerk Lubmin, versorgt im Gro�raum Kopenhagen 200.000 Haushalte mit Wärme. Dennoch, die Politik im Windenergieland Dänemark steht der Steinkohlenutzung skeptisch gegenüber. Vor rund 15 Jahren wurde letztmalig der Neubau eines grö�eren Kraftwerksblocks genehmigt und dieser anschlie�end errichtet, wie die Delegation vor Ort erfuhr.
Von Asnæs, einem weiteren von den Abgeordneten besichtigten Kraftwerk, werden mehrere Gro�betriebe, darunter eine Raffinerie und ein Pharmaunternehmen mit 3500 Mitarbeitern mit hei�em Prozessdampf versorgt. Dies wäre ein nachahmenswertes Beispiel, um in Lubmin den Wirkungsgrad von Kraftwerken zu steigern. Allerdings darf man sich diesbezüglich keinen Illusionen hingeben. "Würde man Hei�dampf in der Grö�enordnung von Asnæs verkaufen, stiege der Wirkungsgrad des geplanten Steinkohlekraftwerks (bei installierten 1600 MW und einer Auslastung wie Avenøre II 2003-2005) in Lubmin lediglich um 2,07%" rechnet Martin Lenk, Mitglied im Umweltausschuss des Kreistages, vor. Der Wirkungsgrad eines 500 MW Gaskraftwerks hingegen stiege vermutlich um immerhin rund 6%. Doch selbst dies ist Zukunftsmusik. Nennenswerte Nutzer von Fernwärme und industriellem Prozessdampf sind in Lubmin vorerst nicht in Sicht.
Im Vergleich der Wirkungsgrade zwischen dem dänischen Musterkraftwerk Avedøre II, den geplanten Kraftwerken in Lubmin und einem geplanten Kohlekraftwerk in Berlin schneiden die Varianten eines Steinkohlekraftwerks Lubmin mit unter 50% mit Abstand am schlechtesten ab (siehe Grafik). Neben dem ökonomischen Risiko wird mithin je erzeugter kWh am meisten klimaschädliches Kohlendioxid ausgesto�en.
Anbetracht dieser erschütternden und ernüchternden Fakten, muss die Frage nach dem Energiestandort Lubmin selbst für diejenigen, für die Steinkohle ein zukunftsfähiger Energieträger ist, wie folgt beantwortet werden: Nicht Steinkohle UND (dann später vielleicht) Gas, sondern Gas STATT Steinkohle! Die Trümpfe hoher Primärenergieausnutzung, ein Qualitätsmerkmal der dänischen DONG-Kraftwerke, können in Lubmin nicht ausgespielt werden. ?Nehmen wir unsere moralische Verantwortung für den Klimaschutz ernst und setzen an Standorten die keine nennenswerte Kraftwärmekopplung ermöglichen, wie es in Lubmin der Fall ist, keine Steinkohle ein? fordert Ralf Döring, klimapolitischer Sprecher des Kreisvorstandes. Die Firma DONGenergy sollte sich deshalb nach geeigneteren Standorten für ihre Kohlekraftwerksambitionen umsehen.
Die Wirkungsgrade von Gaskraftwerken (GuD) liegen heute bei rund 60% allein bei der Stromerzeugung. Durch Kraft-Wärme-Kopplung, wie sie beispielsweise in einem Gas- und Dampfkraftwerk der Stadtwerke Leipzig betrieben wird, wo Martin Lenk längerer Zeit als Berater tätig war, kann dieser Wert sogar noch weiter gesteigert werden. "Kraftwerke mit Wirkungsgraden unter 50% dürfen auf keinen Fall mehr genehmigt werden, ansonsten verschlie�en wir uns den Notausstieg aus der Klimakatastrophe" warnt Martin Lenk, während er aus dem Reisebus der Delegation einen Blick zurück auf das Kraftwerk Avedøre wirft.
Wenn die Energiebranche CO2-Einsparpotentiale leichtsinnig verschenkt, müssen die Reduktionsziele der Bundesrepublik von anderen Emittenten, zum Beispiel dem Verkehrssektor, erbracht werden. Ob aber eine weitere empfindliche �kosteuer auf Benzin und Diesel bei Autofahrern gro�e Begeisterung auslöst, ist zu bezweifeln. Zudem träfe dies einmal mehr die Menschen in abgelegenen ländlichen Regionen, die auf ein Auto angewiesen sind.
Dass in unserer Region jeder Arbeitsplatz zählt, ist richtig. Aber nicht um jeden Preis. Auch ohne die etwa 130 Arbeitskräfte im geplanten Steinkohlenkraftwerk gelten fast 400 Arbeitsplätze am Industriestandort Lubmin als gesichert, wie den Ausschussmitgliedern des Kreistags bei einer Sitzung vor Ort nicht ohne Stolz berichtet wurde. Weitere werden durch das Gaskraftwerk und andere Unternehmen hinzukommen, gibt sich Martin Lenk zuversichtlich. Zudem muss man immer die Arbeitsplatzverluste im Tourismus gegenrechnen.








